Pictorialismus mit der Fuji XT-1 und meiner Squeezerlens

Oder: vom Einlassen auf das Unperfekte

Schon mein ganzes Fotografenleben strebe ich nach Perfektionismus in meinen Bildern: perfekte, reproduzierbare Bilder, fotografiert mit perfekter Fototechnik. Vielleicht habe ich deshalb eine so enge Bindung an die Panoramafotografie, da in diesem Sujet das Ergebnis vom Perfekten lebt.

Schon seit Längerem stelle ich jedoch fest, dass mich diese perfekten Panoramabilder nicht mehr wirklich ausfüllen, und gute Bilder auch mit „einfacherem“ Equipment entstehen. Aber wie bekommt man die Kurve vom Perfekten zum „anspruchsvoll Unperfekten“?
Nicht erst seit gestern versuche ich einen Weg für mich dorhthin zu finden. Mit dem dem Kauf meiner Squeezerlens habe ich einen ersten, jedoch sehr wichtigen Schritt getan.

Aber der Reihne nach; die letzten Tage im Rückblick:

Auf Werners Blog – AlleAugenblicke –  haben mich die Bilder im Beitrag „Muße und Unschärfe“ sehr fasziniert. Netterweise hat Werner auch verraten, mit WAS der die Bilder fotografiert hat: mit einer Squeezerlens.
Werners Bilder erinnern mich spontan an Steffen Böttcher’s (aka Stilpirat) Bilder aus New York.
In dem verlinkten Video erwähnt Steffen den Begriff des „Piktorialismus“. Ein Begriff, der sich bis dato nicht in meinen Wortschatz verirrt hatte.

Durch das Folgen von Werners Link auf die Squeezerlens Webseite von Frank Baeseler war es schon nach wenigen Minuten um mich geschehen und mein „haben wollen Gen“ trat in Aktion. Flugs war Frank angemailt, und eine Crop Squeezerlens bestellt.

Was ist Pictorialismus …

Der Pictorialismus ist eine Phase der Kunst-Fotografie. Diese dauerte ungefähr von 1900 bis zur Mitte desselben Jahrunderts. Mit Hilfe des Pictorialismus haben Fotografen wie z.B. Peter Henry Emerson, Adolf de Meyer, Robert Demachy und Alvin Langdon Coburn versucht Fotografien als Kunstwerke zu gestalten und eine ästhetische Wirkung ihrer Bilder zu erreichen. Damit wollte man der Fotografie Anerkennung in der Kunst verschaffen.

Charakteristisch für den Pictorialismus sind verwischt – unscharfe Kontouren, und malerisch – grafische Texturen. Dabei orientiert sich der Pictorialismus am Impressionismus, Symbolismus und auch am Jugenstil.

Wie so viele Dinge,  scheint auch der Pictorialismus eine Art Renaissance in der heutigen Zeit zu erleben. Eine sehr schöne Beitragsreihe über den neuen Pictorialismus findet sich z.B. auf der Webseite des Docma Magazines.

… und was eine Squeezerlens?

Bei einer seiner Buchvorstellungen des „Logbuches New York“ durfte ich Steffen, als auch die „Selbstbaulinse“ auf  seiner Pentax live erleben. Steffens Linse hat eine starke Affinität zu den Squeezerlinsen von Frank Baeseler.

Auf meiner Fuji XT-1 sieht die „Crop Squeezerlens“ so aus:

Die ersten Bilder mit der Fuji XT-1 und meiner Mir 1-B Squeezerlens

Quasi druckfrisch: die ersten sechs unperfekten Bildern die ich am Wochenende mit meiner Fuji XT-1 und meiner „Quetschlinse“ fotografiert habe. Auf das Thema Squeezerlens und wie sie meinen Weg zum Unperfekten begleiten könnte, gehe ich nach diesen Bildern ein.

Die Squeezerlens und ich: eine spontane Liebe

Ich konnte es kaum erwarten, „meine“ Squeezerlens auszupacken, auf die Fuji XT-1 zu schrauben und zu „squeezen“ :)
Die Haptik der Balg-Objektivkombination ist ein wirklich spannendes Erlebnis. Platt ausgedrückt ist die Squeezerlens nichts anderes als ein Tilt-Shift Objektiv, wobei man die Schärfeebene in mehrere Dimensionen legen kann. Wenn man es nicht besser wüsste, würde man sich fragen, ob man mit diesem „Ding“ überhaupt fotografieren kann.

Aber: man kann! Und das sehr gut wie ich finde.
Gut, der Umgang mit der Squeezerlens muss eineutig geübt werden. Das Fokussieren damit funktioniert durch heran- und wegziehen des Balges zur Kamera, die Lage der Schärfeebene durch verbiegen des Balges. Wobei das Üben keinerlei Mühe fordert, sondern einfach nur Entschleunigung ist und einfach nur Spaß macht. Mehr noch, ein tolles, neues Fotografieerlebnis darstellt.

Dem geneigten Leser wird nicht entgangen sein, dass ich in diesem Blogbeitrag  öfter von „meiner Squeezerlens“ spreche.
Mit gutem Grund: „meine“ Squeezerlens ist kein Produkt von der Stange, wurde nicht auf einem Fließband gefertigt, ist kein Massenprodukt und ist somit einzigartig. Das Bewusstsein, dass die einzelnen Teile zum Teil sehr wohl aus der Massenfertigung kommen können, vorausgesetzt.

Das Besondere an jeder Squeezerlens ist sicherlich das Objektiv. In meinem Fall ein Mir 1-B 37mm/F2.8.
Diese Linse wurde ab Mitte der 1950-er Jahren in der damaligen Sowjetunion gefertigt. Das Design, als auch die Optik des Mir basiert auf dem Carl-Zeiss Jena Flektogon 35mm/F2.8 und kann sich immerhin rühmen, 1958 auf der Weltausstellung in Brüssel einen Preis gewonnen zu haben.

Durchforstet man das Web nach dem Mir 1-B 37mm, sind die Reviews durch die Bank gut bis sehr gut.

Bilder die mit der Squeezerlens fotografiert werden können multiple Schärfeebenen abbilden. So ist jedes einzelne Foto einzigartig und nicht reproduzierbar. Diese uniqueness in der Schärfeebene verbunden mit dem individuellen Bokeh „meines“ Mir 1-B, bringt Bildlooks hervor, die den Idealen des Pictorialismus sehr gut entsprechen, und die mit respektvoller Retusche noch präsenter werden können.

Sprich: die resultierenden Bilder sind herrlich unperfekt, unscharf, verschwommen, das Bokeh genial; der totale Gegensatz zu meiner bisherigen Art zu fotografieren.
Ich freue mich auf die nächsten Monate und Jahre zusammen mit meiner reiferen russischen Dame, ähm Squeezerlens, auf viele tolle Fotos und auf meine Auseinandersetzung mit dem Pictorialismus.

4 Kommentare
  1. Frank Baeseler
    Frank Baeseler says:

    Schöner Artikel. Übrigens: Die „Selbstbaulinse“ von Steffen Böttcher, mit der er das New York-Buch fotografiert hat, ist die Original Mittelformat-Squeezerlens mit einem Leitz Hektor 12cm f2.5

    Antworten
  2. Werner
    Werner says:

    Ach das ist schön Martin, dass ich dich infizieren konnte! Herrlich. Bin gespannt, was du so nach auf die Beine stellen wirst mit deiner Squeezerlens.
    Schöner Beitrag!

    Ganz liebe Grüße,
    Werner

    Antworten
  3. Seh-N-Sucht
    Seh-N-Sucht says:

    Ein Freund hat mir zu meinen „perfekten“ Bildern mal gesagt, dass sie keine Seele hätten. Sie waren schön und sauber fotografiert und ebenso bearbeitet, aber ihnen fehlte tatsächlich etwas. Diese „Seele“ habe ich bei den alten Linsen gefunden. Sie sind nicht super sauber gerechnet, jede Linse hat ihre persönliche Eigenart, einen Charme der unvergleichlich ist und den ich heute so lieb gewonnen habe. Wenn ich heute mit meinem Canon Makro fotografiere erschreckt mich die Schärfe immer wieder. Früher habe ich dann noch nachgeschärft – heute reichen die alten Linsen, die eine ganz andere, weichere Schärfe haben. Nicht umsonst kann man heute viele Neuauflagen von alten Linsen gut verkaufen. Die Squeezerlens ist eine ganz besondere Linse – weich und dennoch scharf und dann dabei diese Unschärfe, die durch das Verkippen am Balgen entsteht. Nach der Volna 80mm Squeezerlens habe ich erst mal ein Biotar 80mm an den Balgen gesetzt. Das war mir aber zu scharf zu langweilig. Dann habe ich mir die 1. Flekto-Squeezerlens mit 50 mm zusammengesetzt. Die hat ein unheimlich schönes Bokeh und mit 50 mm bekommt man halt mehr auf’s Bild.

    http://www.seh-n-sucht.de/BLOG/3805-unplugged-34/

    Ich finde es wirklich interessant, dass nach „perfekt“ bei anderen, wie auch bei Dir, das Unperfekte kommt. Ich werde deine Bilder mal weiter verfolgen! ;-)

    Liebe Grüße
    Birgit

    Antworten

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